Wenn Kinder aufhören an sich zu glauben...


 

Zur Zeit darf ich eine Familie begleiten, dessen 12-jähriger Sohn mich sehr an mich selbst erinnert, als ich so alt war wie er. Auf Erwachsene wirkt er rebellisch, respektlos und gleichzeitig charmant. Ich habe mich sofort in ihn und seine Art verliebt!

 

Lieber Leser, verstehe das bitte richtig, nicht wie Erwachsene sich lieben – nein es ist die Liebe der Begeisterung, die Liebe der Anerkennung und die Liebe des Verständnisses.

 

Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie es ist, wenn du Erwachsene um dich herum hast, die denken, dass du ein «Störfaktor» bist. Genau so geht es aktuell diesem 12-jährigen Jungen. Mangelnder Respekt, Machtkämpfe und verletztes Ego schaffen, aus meiner Sicht, die Armee der Unzufriedenheit und des Kampfes. Ja, für mich hat es sich immer wie ein Kampf gegen die Lehrer und gegen mich selbst angefühlt. Es gab Erwachsene, bei denen spürte ich, dass sie mich nicht mögen. Sie zeigten dies mit klarer Ablehnung und Kommentaren wie: «Du landest sowieso auf der Strasse nach der Schule!»

 

Als Kind und Jugendliche verstand ich nicht, weshalb ich zu solchen Menschen freundlich sein sollte. Ich verstand auch nicht, weshalb ich stets das tun musste, was sie sagten. Ich spürte sehr klar, dass dies nicht richtig ist, reagierte nach aussen aggressiv und fühlte mich innerlich sehr klein und machtlos. So entstand mein Glaubenssatz: «Ich gehöre nicht dazu.»

 

So kämpfte ich Tag für Tag gegen die Lehrer und gegen meine innere Stimme, die mich stets klein machte.

 

Heute als Erwachsene verstehe ich, dass diese Lehrer wahrscheinlich die gleichen Bedürfnisse hatten wie ich. Aus meiner Sicht ging es um Respekt, Anerkennung und Wertschätzung. Die Erwachsenen haben sich, aufgrund meiner Handlungen, provoziert gefühlt. Das was ich ihnen jedoch mitteilen wollte war: «Schaut doch Mal hinter meine Maske!» «Hört mir wahrhaftig zu, damit ihr mich verstehen könnt!»

 

Doch was stattdessen passierte: Mir wurde die Verantwortung dafür gegeben, wie die Beziehung zu den Erwachsenen war. Das ist eine grosse Last für ein Kind. Mir fehlte die Erfahrung, wie Beziehungen aufgebaut werden. Ich hatte nicht genügend Vorbilder in diesem Bereich und verstehe heute auch, dass nicht ICH dafür verantwortlich gewesen wäre, eine gute Bindung aufzubauen. Nein, die Verantwortung für die Beziehung zu Kindern liegt zu 100% bei den Erwachsenen!

 

Bei dieser Aussage erhalte ich meistens enormen Gegenwind:

 

«Aber wenn er sich an die Abmachungen und Regeln halten würde…»

 

«Sie provoziert mich gerne…»

 

«Kinder müssen Respekt lernen!» usw…

 

In meiner Welt ist es so, dass Kinder aus Beobachtung und Erfahrung lernen. Was steckt hinter dem «Wenn er sich an Regeln halten würde…»?

 

Lieber Erwachsene, hältst du dich stets an alle Abmachungen und Regeln? Gibt es Momente, in denen du spürst, dass du etwas nicht willst und es dann trotzdem tust, weil dir irgendjemand Mal gesagt hat «MAN muss sich an Abmachungen und Regeln halten.

 

Oder, weil du über die Jahre verlernt hast auf deine Bedürfnisse zu achten und dich deswegen an Abmachungen und Regeln hältst?

 

Bitte verstehe mich richtig, ich bin auch dafür, dass es Strukturen geben muss. Dies gibt Sicherheit und sorgt dafür, dass wir in dieser Gesellschaft zurecht kommen. Es gibt jedoch gewisse Abmachungen und Regeln, die hinterfrage ich immer wieder. Die passen einfach nicht zu meinen persönlichen Werten oder ich verstehe sie noch nicht. Dann übernehme ich für mich Verantwortung und entscheide mich, ob ich mich daran halten möchte oder nicht.

 

Das ist nicht einfach, meine Zerrissenheit wurde dann wieder sehr stark spürbar. Dieser Gedanke «Ich gehöre nicht dazu.» kam in solchen Momenten zum Vorschein und meine innere Stimme zweifelte. Ich begann meine Entscheidungen und Handlungen zu hinterfragen. Mein ganzer Körper wehrte sich dagegen, für mich einzustehen und gegen eine Regel zu handeln. Obwohl ich irgendwo in mir spürte, dass ich mich FÜR MICH entscheiden wollte.

 

Das sind diese Momente, in denen Wachstum geschieht.

 

Das sind diese Momente, in denen ich mich wieder ein Stück besser kennenlernen darf.

 

Das sind diese Momente, in denen ich mein inneres kleines Kind an die Hand nehme und sage: «Komm, wir gehen da gemeinsam durch!»

 

Ist das immer einfach? Gewiss nicht!

 

Fühlt es sich in der Situation leicht an? Auf gar keinen Fall!

 

Würde ich mich dann lieber wieder verkriechen und auf meine Stimme hören, die versucht mich klein zu machen? Oh ja!

 

Doch ich entscheide mich ganz bewusst für MICH!

 

Für mich und meine Entwicklung!

 

Für mich und meinen Wachstum!

 

Für mich und meine Leichtigkeit!

 

Ja, es darf sich leicht anfühlen – auch wenn es schwierig ist. Nach der Verwirrung kommt die Klarheit.

 

Lieber Leser, was hält dich noch davon ab zusammen mit deinem Kind dein wahres ICH zu leben, damit dein Kind auch bemerkt, dass es einfach SEIN darf?!